2.11.2015 - Susanna Wolf

Systemische Beratung oder Systemisches Coaching. Welche Weiterbildung ist für mich die Richtige?

Dr. Hans Friedl im Gespräch mit Dr. Andrea Hirmer und Georg Schobert über Abgrenzung und Schnittmengen beider Angebote.

Friedl: Kann ich als Berater nicht auch coachen und als Coach ebenso beraten?

Hirmer: Obwohl die Fortbildungen sehr unterschiedlich sind, gibt es natürlich einen Teil, mit dem ich als Coach immer auch berate, denn das gehört gerade bei einem guten Coach dazu. Im Gegenzug lernt man in unserer Systemischen Berater-Weiterbildung nicht, wie man coacht.

Friedl: Was macht unser Systemisches Coaching denn aus?

Hirmer: Wir fokussieren uns in dieser zweijährigen Weiterbildung zum Coach auf den Business-Kontext, der nicht im sozialen Bereich sein muss. In allen Veranstaltungen dieser Weiterbildung stellen wir immer wieder den Bezug zu Management- und Führungsthemen her. Dabei sind uns der Transfer und die Anschlussfähigkeit in den beruflichen Alltag wichtig.

Friedl: Bei vielen anderen Institutionen ist der Systemische Berater die Grundlage für einen Coaching-Aufbau. Ist das bei uns auch so?

Schobert: Nein, wir haben unsere Weiterbildungen so konzipiert, dass jede für sich selbst steht. Die Coaching-Ausbildung hat einen Teil der Berater-Weiterbildung integriert, vor allem in den Punkten systemisches Grundverständnis und systemisches Handwerk. Unsere Weiterbildung zum Systemischen Berater hingegen ist deutlich therapeutisch ausgerichtet. Sie dient als Grundstock für den Aufbau zur Systemischen Therapie oder zur Kinder- und Jugendlichentherapie.

Friedl: An wen richten wir uns mit der neuen Weiterbildung zum Systemischen Berater?

Schobert: Unsere Systemische Berater-Weiterbildung ist für Leute gedacht, die in Institutionen im Nonprofit-Bereich oder auf selbstständiger Basis eine beratende Tätigkeit ausführen (wollen). Wir sprechen hier von Sozialpädagogen, Psychologen, Pädagogen, Heilpädagogen, Erziehern und dergleichen.

Ich finde es exzellent, dass wir es uns als Weiterbildungsinstitut leisten können, den Menschen ein an ihren jeweiligen Arbeitskontext angepasstes Handwerkszeug und Verständnis für ihre berufliche Rolle anbieten zu können.

Friedl: Aus welchen Berufsgruppen setzt sich bei uns eine typische Coaching-Weiterbildungsgruppe zusammen?

Hirmer: Auf der einen Seite kommen Leute mit Managementerfahrung zu uns, die später einmal als Coach in und für Unternehmen arbeiten und dabei Führungskräfte in ihrer Professionalisierung unterstützen wollen. Ein weiterer Teil unserer Teilnehmer sind Führungskräfte und Geschäftsführer von Familienunternehmen, die Coaching als Expertise erlernen und diese Veranstaltung gleichzeitig als persönliches Führungskräftetraining nutzen wollen. Als dritte Gruppe sind Personaler zu nennen, die wissen möchten, wie Coaching funktioniert. Entweder weil sie in der Personalentwicklung selbst die Gelegenheit haben zu coachen, oder weil sie eine zusätzliche Expertise haben möchten, um zu wissen, was ein hochqualitatives Coaching ausmacht, wenn sie es extern einkaufen. Daneben gibt es vereinzelt immer wieder Leute aus dem sozialen Bereich wie auch Quereinsteiger.

Friedl: Warum ist der Anteil der Führungskräfte bei uns in der Coaching-Weiterbildung so hoch?

Hirmer: Bei Unternehmern hat es sich mittlerweile herumgesprochen, dass diese Fortbildung eine sehr elegante Möglichkeit ist, ihre Führungskräfte zu trainieren und weiterzuentwickeln. Selbst dann, wenn diese nicht vorhaben, jemals als Coach tätig zu werden. Scheinbar ziehen wir durch die Inhalte der Weiterbildung interessierte Führungskräfte regelrecht an.

Friedl: Was macht denn unsere Coaching-Weiterbildung zu so einer exquisiten Führungskräfteentwicklung?

Hirmer: Wir empfinden diese Mischung der unterschiedlichen Leute – die sich gegenseitig befruchten und synergetisieren – für optimal. Zum anderen bieten wir in unserer Coaching-Weiterbildung immer wieder Module zur Arbeit mit Teams und zu Dynamiken von Teams. Hier beweisen sich die Teilnehmer selbst in Führungsrollen und lernen auch davon, wie sich andere Teilnehmer in vergleichbaren Situationen verhalten. Insgesamt führen wir ca. 48 Businesscases durch, bei denen die Teilnehmer üben können, wie sie in unterschiedlichsten Situationen und Kulturen Führung übernehmen. Wir vermitteln eindeutig, an welchen Stellen man als Führungskraft coachen kann und wo es nicht möglich ist, zu coachen.

Schobert: Ich würde das gerne ergänzen. Führungskräfte müssen führen und bei uns lernen sie, wie sie führen können.

Friedl: Vielleicht ist es interessant, etwas über unsere unterschiedlichen Trainer aus der Coaching- und Berater-Weiterbildung zu erfahren.

Schobert: Wir alle trainieren und lehren mit einem Erfahrungswissen, das die Teilnehmer einfach überzeugt. Über Nachahmung lässt sich leichter lernen, deshalb sind wir uns alle unserer Vorbildfunktion bewusst. Wir verfügen über eine Anschlussfähigkeit, mit der sich die Leute identifizieren können und ermutigen so die Teilnehmer, sich neu auszuprobieren.

Der Unterschied zeigt sich in den unterschiedlichen beruflichen Kontexten. In der Berater-Weiterbildung zeichnet die Lehrenden aus, dass sie selbst in diesen Nonprofit-Bereichen seit langem arbeiten und insofern die geforderten Bedarfe in der Funktion eines Beraters selbst durchlebt und reflektiert haben und das jetzt weitergeben an andere, die das brauchen.

Hirmer: Ich finde es hierzu ergänzend ganz wichtig, dass unsere Lehrenden aus dem Sozialen Bereich sehr genau wissen, an welchen Stellen wir im Arbeitskontext von einer Beratung sprechen und wo die Grenze zu einer Systemischen Therapie liegt. Wir haben da eine ganz hohe Sensibilisierung, denn es gibt inzwischen viele Kontexte, in denen nur eine systemische Beratung möglich ist.

Die Trainer aus der Coaching-Weiterbildung haben alle Unternehmenserfahrung und sind selbst als Coach, Trainer und Berater in Unternehmen tätig. Wir legen sehr viel Wert darauf, dass sich unsere Trainer mit dem, was sie lehren, permanent im Business-Alltag bewähren.

Das Besondere am IFW ist, dass wir aus der Praxis kommen. Uns geht es nicht darum, nur Theoriemodelle zum Besten zu geben. Wir wollen die Menschen in unserer Akademie befähigen, diese Modelle anzuwenden und nahtlos im beruflichen und persönlichen Kontext umzusetzen.

Schobert: Theoretische Modelle dienen dem Verständnis, aber über das praktische Handeln und die Anwendung beziehe ich die Sicherheit, weil ich dadurch eigene Wirksamkeit erfahre. Alle unsere Trainer haben diese Wirksamkeit selber erfahren und erprobt und lassen deshalb jene Inhalte weg, die sich zwar in der Theorie schlüssig anhören, aber in der Praxis nicht greifen.

Friedl: Was sind grob gesagt die Inhalte in der Coaching Weiterbildung?

Hirmer: Ich sehe da die Professionalisierung, Dimensionen von Führung, Teamdynamiken, Methoden zur Begleitung von Führungskräften und von Teams. Letztlich geht es oft auch darum, wie man die Effizienz von Teams steigert und wie es einer Führungskraft gelingt, in ihrer Zielerreichung wirkungsvoller zu werden. Außerdem um Führungsverhalten, Konfliktmanagement, Diagnostik von Teams, Systemische Beratungsstrategien von Teams etc.

Friedl: Wie unterscheidet sich Beratung im Kontext der Systemischen Coaching-Weiterbildung von dem in der Systemischen Berater-Weiterbildung?

Hirmer: Beratung im Coaching-Kontext bedeutet, dass ich als Coach auf mein fachliches Wissen zurückgreife und zudem auch meine eigene Meinung zur Verfügung stelle. Ab einer gewissen Führungsebene fordern Auftraggeber ganz klar die eigene Meinung und Haltung des Coaches ein und sehen ihn als Sparringspartner.

Schobert: In der Systemischen Berater-Weiterbildung verstehen wir die Begrifflichkeit anders. Hier geht es darum, dass wir mit systemischen Methoden und in einer systemischen Haltung bis zu einer bestimmten Prozesstiefe arbeiten. In dieser systemischen Form begleiten wir Familien, Paare, Einzelpersonen und kleine Teams. Wir fördern und fordern Lösungen, indem wir sie mit den Leuten gemeinsam entdecken. Der Klient trägt die Lösung in sich – nie würde ein systemischer Berater sein eigenes Wertesystem vorgeben.

Friedl: Was sind denn die klassischen großen Themen in der Systemischen Beratung?

Schobert: Wir haben im weitesten Sinne mit Familie zu tun, die Wirksamkeit zeigt sich in Form von konstruktivem Leben und Beziehungserleben in Familien während des gesamten Lebenszyklus. Systemische Beratung kommt vor allem dann zum Tragen, wenn Beziehungen nicht (mehr) befriedigend gelingen. Beratung hat das Ziel, gemeinsam Wahlmöglichkeiten für Haltungen und Verhalten zu entwickeln, so dass Veränderung möglich wird.

Friedl: Auf welche Art der persönlichen Prozesse kann sich ein potenzieller Coaching-Interessent einstellen, wenn er plant, bei uns die Weiterbildung zu machen?

Hirmer: Ab dem ersten Seminar geht es darum, mich selbst in meiner Rolle als Führungskraft und als Coach zu hinterfragen. Damit meine ich, dass ich direkt damit konfrontiert werde, wo meine Stärken und wo meine Herausforderungen im Führen liegen. Es ist unsere Aufgabe als Trainer, ab und zu künstlich belastende Situationen herzustellen, damit die Teilnehmer für sich selbst reflektieren können: Wie verhalte ich mich in diesem Stressmoment? Was heißt das für mich als Führungskraft oder Coach? An welchen Stellen wäre es hilfreich, meine Kontakt- und Beziehungsfähigkeit sowie mein Kommunikationsverhalten zu variieren oder auszubauen? In diesem ersten Punkt geht es zusammengefasst um Selbstreflektion und um Eigenwahrnehmung.

Durch eine ausgesprochen gute Feedback-Kultur der Teilnehmer untereinander sowie der Trainer zu den Teilnehmern bieten wir zudem eine intensive Fremdwahrnehmung. Das unterstützt die Persönlichkeitsentwicklung an dieser Stelle enorm.

Natürlich wird dieser gesamte persönliche Entwicklungsprozess unterstützt durch zahlreiche Methoden und theoretische Prozesse, die ich im Umgang mit Teams und mit Einzelnen lerne. Über eine Klärung und Einbettung in Unternehmenskontexte erfahre ich mehr Sicherheit und baue mein strategisches Denken aus.

Friedl: Welche persönlichen Prozesse erwartet ein potenziellen Teilnehmer der Berater-Ausbildung?

Schobert: Die persönlichen Prozesse fangen da an, wo es um Haltungen geht und um Haltungsveränderungen. Welche Haltungsgewohnheiten habe ich entwickelt? Wie mache ich mit Menschen Kontakt? Wie erreiche ich Menschen, die auch im unfreiwilligen Kontext Beratung in Anspruch nehmen müssen, um ihre Lebenssituation zu verbessern? Von daher kommt für mich der inneren Haltung die Bedeutung zu, aus der heraus ich Kontakt mache mit anderen Menschen. Wenn die innere Haltung im Umgang mit den Methoden und Techniken nicht passt, verpuffen die Angebote, weil sich andere Menschen als Gegenüber nicht in einer respektvollen Weise gesehen und angesprochen fühlen.

Friedl: Gibt es Unterschiede in der systemischen Grundhaltung, wenn Ihr die beiden Weiterbildungen vergleicht?

Hirmer: In der tiefsten systemischen Grundhaltung gibt es sicher keinen Unterschied, dazu ist die systemische Haltung zu basal. Sobald wir ein paar Schichten drüber gehen, merken wir relativ schnell, dass es Abweichungen gibt. Natürlich gehe ich in eine andere Haltung, ob ich in einem Unternehmen mit Führungskräften arbeite oder ob ich mit belasteten Familien zu tun habe.

Friedl: Um es für die Leser noch etwas deutlicher zu machen, hätte ich gerne mehr über das typische Klientel gewusst, das zur Systemischen Beratung kommt?

Schobert: Das sind Einzelne, Paare, Familien und zum Teil auch Teams. Wenn ich anleite, ein anderes Beziehungsverhalten zu entwickeln, das für die Familie besser passt, dann bringen wir wieder eine win-win Situation zustande. In Familien geht es darum, eine Kohärenz zu ermöglichen, dass sich die Leute wieder aufeinander beziehen wollen und beziehen können. Und nicht über Störungen ausdrücken müssen, dass sie nicht mehr im System dabei sind.

Friedl: Und wie sieht es mit dem Klientel aus, das man als Coach hat?

Hirmer: Etablierte, frisch gebackene und potenzielle Führungskräfte und Mitarbeiter in Steuerungsfunktionen (z.B. Projektleiter). Auf höherer Ebene Bereichsleiter, Geschäftsführer, Vorstände, für die der Coach oft noch der Einzige ist, mit dem sie offen und ehrlich reden, weil sie sich ansonsten vollkommen alleine fühlen und sich auch nicht trauen, sich mit ihren Schwächen oder in ihren Unsicherheiten zu öffnen.

Friedl: Wenn ich Leiter in einer Kindertagesstätte bin und mich fortbilden möchte – was würdet Ihr mir dann empfehlen?

Schobert: Wenn Du etwas für die Rollensicherheit der Leitung im Kindergarten brauchst, macht die Berater-Weiterbildung Sinn. Wenn Du die Rollensicherheit hast und möchtest eine andere Position einnehmen, so dass Du mit Kindergartestellen-Leitungen arbeitest, dann buchst Du unser Systemisches Coaching.