7.12.2016 - Susanna Wolf

Michael Stanislawski: „Alles was ein Paar im Alltag nicht leben kann, findet auch in der Sexualität nicht statt.“

Warum ist in unserer inzwischen ja doch sehr aufgeklärten Gesellschaft eine sexualtherapeutische Weiterbildung so gefragt?

Stanislawski: Tatsächlich wird Sexualität in allen Medien doch immer sehr plakativ, wenn nicht gar reißerisch behandelt. Der Informationsgehalt (neuer Hinweise betreffend) liegt nahezu bei null. Nach wie vor werden Witze über Sexualität gemacht oder es wird Unwahres geprahlt. Bestehende Schwierigkeiten „im Bett“ werden dem guten Freund oder der guten Freundin in aller Regel jedoch nicht anvertraut. Wenn doch, kommen die Beteiligten im privaten Kontext fachlich schnell an Grenzen.
Manche Leute warten mit ihren Unsicherheiten, kleinen Störungen oder wichtigen Fragen so lange, bis ein Problem chronisch ist und sie dann erst recht nicht mehr mit Freunden darüber reden können.
Therapeutische Beratung ist von Nöten. In unserer familientherapeutischen Weiterbildung ist Sexualität durchaus ein Thema. Die enorme Bandbreite der Symptome und die vielfältigen Problemfelder brauchen für eine befriedigende Beratung von Paaren in der Praxis erfahrungsgemäß noch tiefergreifendes Expertenwissen.

 

Es ist doch gar nicht so einfach für ein Paar, sich mit einem fremden Menschen über solche intimen Situationen auszutauschen?

Die Sprache des Therapeuten / der Therapeutin ist ein wichtiger Punkt in unserer Weiterbildung. Wie kann ich ohne Scheu die anstehenden Probleme direkt hinterfragen, denn „drumherum“ wurde schon lange genug geredet. Ziel ist eine klare Ansprache, ohne die Klienten zu brüskieren.

 

Mit welchen Anliegen kommen die Klienten?

Zum Beispiel ist die Wiederaufnahme von Sexualität nach der Geburt des ersten Kindes oft nicht ganz so leicht. Hier können schon kleine Hinweise helfen oder das Paar arbeitet – mit Hilfe des Therapeuten – am ganz konkreten Vorgehen für zu Hause.
Zu mir kommen auch Paare, bei denen die Sexualität mittlerweile gänzlich zum Erliegen gekommen ist. Nicht selten über einen sehr langen Zeitraum von 2 – 14 Jahren. Dieses heftige Problemfeld braucht oft aufwändige und geduldige Therapiebegleitung.

 

Du kannst an dieser Stelle sicher keinen Hinweis für befriedigende Sexualität geben, oder?

Doch, gerne! Eine einfache aber sehr schlüssige Deutung bietet folgender Ansatz: Alles was das Paar im Alltag nicht leben kann, findet auch in der Sexualität nicht statt: sich Zeit füreinander nehmen, den anderen Verwöhnen, Vertrauen ineinander finden, Verständnis für den anderen haben, sich gegenseitig interessiert Zuhören, ernsthaft sein und Spaß haben.
Ein kleiner Hinweis für Paare ohne Funktionsstörung oder tiefe Verletzungen: Wenn in der Sexualität jede Partnerin und jeder Partner selbst dafür sorgt, dass es ihr/ihm gut geht – und jeder von eben dieser gleichen Prämisse ausgeht, ist eine erfüllte Intimität so gut wie gewährleistet.