16.05.2019 - Daniela Lempertz

EMDR in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern und systemische Therapie – wie passt das zusammen?

 

„EMDR – was ist das denn?“

(EMDR = Eye Movement Desensitization and Reprocessing)

Meine ersten Gedanken und Überlegungen vor vielen Jahren: „EMDR“ … immer diese Abkürzungen! Und was verbirgt sich denn dahinter? Wer kann das denn aussprechen? Behandlungsverfahren mit solchen Abkürzungen waren mir etwas suspekt und fremd… Doch die Rückmeldungen von KollegInnen, die EMDR lernten, waren stets von Begeisterung und auch Dankbarkeit geprägt, eine Methode erlernen zu können, die zwar formalistisch klingt, trotzdem den Menschen mit seinen Erfahrungen, sozialen Bezügen, Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen im Blick hat. Nach der Teilnahme an einem 3tägigen Einführungskurs war auch ich „vorsichtig-begeistert“ und mittlerweile, nach dem Absolvieren einer kompletten EMDR Ausbildung und eines EMDR Kindercurriculums, froh über die Ergänzung, welche EMDR für meine verhaltenstherapeutisch und gestalttherapeutisch geprägten therapeutischen Hintergrund darstellt.

EMDR – die Methode

Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) ist eine von Francine Shapiro in den USA zunächst für Erwachsene entwickelte traumaspezifische psychotherapeutische Methode zur Bearbeitung belastender Erinnerungen mittels Desensibilisierung und Verarbeitung durch wechselseitige Augenbewegungen.

Das aktuell zugrunde liegende Krankheitsmodell der adaptiven Informationsverarbeitung (AIP-Modell) beschreibt, dass dysfunktional gespeicherte oder nicht vollständig verarbeitete Erinnerungen zu verschiedenen psychischen Störungen, wie z.B. einer PTBS, Depressionen oder Zwangserkrankung führen können (Shapiro, 2001).

In den vergangenen Jahrzehnten entwickelte sich EMDR zu einer bestens untersuchten Methode, deren Wirksamkeit durch umfangreiche randomisiert-kontrollierten Studien belegt worden ist. Die Anwendungsbereiche von EMDR sind mittlerweile vielfältig und weiter gefasst, gute Erfahrungen und wissenschaftliche Studien zur Bearbeitung belastender Erinnerungen und Überzeugungssystemen liegen vor. 

Als wichtiger neurobiologischer Mechanismus während einer EMDR Behandlung wurde von Holmes (2019) ein Zusammenhang zwischen der bilateralen Stimulation durch Augenbewegungen und der Abnahme der traumabezogenen Angst nachgewiesen.

In Deutschland wurde EMDR 2006 vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) als wissenschaftliche Methode für die Behandlung der PTBS bei Erwachsenen anerkannt (Gemeinsamer Bundesausschuss [G-BA], 2014). In den aktualisierten Richtlinien der International Society for Traumatic Stress (ISTSS, 2018) wird EMDR für die Behandlung von minderjährigen Patienten mit PTBS empfohlen.

EMDR mit Kindern

Erste publizierte Behandlungen von Kindern mit EMDR und die Entwicklung eines Ausbildungscurriculums erfolgten u.a. durch Claude Chemtob und Bob Tinker (1994) zur Behandlung von Kindern nach dem Erleben des Hurrikans Iniki auf Hawai.

Für die Anwendung von EMDR bei Kindern liegen altersadaptierte Versionen des 8phasigen Standardprotokolls vor. Die Desensibilisierung und Verarbeitung belastender Erinnerungen werden bei Kindern ab ca. 10 Jahren – wie bei dem Standardprotokoll für Erwachsenen – mittels Augenbewegungen angeregt, bei jüngeren Kindern erfolgt die bilaterale Stimulation durch vorsichtiges, abwechselndes Antippen der Handrücken des Kindes oder auditiv über abwechselnde rechts oder links hörbare Töne über einen Kopfhörer. Diese wechselseitige Anregung führt zu einer bilateralen Stimulation des Gehirns, welche die Verarbeitung der belastenden Erinnerungen anregt und fördert. Je jünger ein Kind ist, umso wichtiger ist der Einbezug der nahen Bezugspersonen.

Kinder & EMDR & systemische Betrachtung

In der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist m. E. die systemische Betrachtung des Kindes im Kontext zu seiner Kernfamilie, weiteren Bezugspersonen, Sozialisationsinstanzen wie Kindergarten, Schule und Beruf/Studium unabdingbar. Jedes Kind kommt mit seiner Geschichte und – häufig unbewusst – mit der Geschichte und den Erlebnissen seiner Bezugspersonen. Wie zeigt sich dies bei der Anwendung von EMDR mit Kindern?

Bei der Anmeldung eines Kindes zur psychotherapeutischen Sprechstunde und im weiteren Verlauf der Behandlung ist es aus traumatherapeutischer Sicht wichtig, die Gesamtfamilie im Blick zu haben. Wer leidet noch – das Kind oder Familienangehörige – oder beide? Und was ist für die Einzelnen belastend? Um dies zu erfragen, werden diagnostische Methoden eingesetzt, die a) die Belastungen des Kindes erfragen und messen und b) Fragebögen, die die aktuelle Belastung der Eltern durch das, was ihr Kind erlebt hat, fokussieren. Ganz im Sinne von: Wenn einer oder eine in der Familie (noch) leidet, ist eine Entlastung und Heilung des in der Praxis vorgestellten Kindes schwieriger bis unmöglich.

Im Verlauf der psychotherapeutischen Behandlung mit EMDR werden – altersabhängig – die Eltern aktiv in den Prozess mit eingebunden. So kann es sein, dass ein jüngeres Kind während der Bearbeitung von psychisch belastendem Material während der Phase, in der die bilaterale Stimulation durchgeführt wird, auf dem Schoss der Eltern sitzt und diese (unter Anleitung der TherapeutIn) das Tappen/Antippen vornehmen.

Gleichzeitig erfolgt hier auch eine bilaterale Stimulation bei den Eltern, deren eigene Belastung ggf. über das Berichten des Erlebnisses aktiviert wurden. In einer Studie von de Roos (2017) zur Anwendung von EMDR bei Kindern nach einem Monotrauma zeigte sich, dass sich das Befinden der Eltern besserte, auch wenn nur ihre Kinder aktivbehandelt wurden.

EMDR ist ein Verfahren, welches einem standardisierten Protokoll folgt und sich dann besonders wirksam zeigt, wenn gemäß dem Behandlungsmanual vorgegangen wird. Trotzdem ist die Entwicklung des Traumanarrativs der einzelnen Kinder und Familien im Kontakt mit der TherapeutIn von Unvoreingenommenheit, Offenheit und auch dem großen Respekt vor der bisherigen Anpassungsleistung des Kindes geprägt.

Was ich an EMDR so mag…

In meinem ersten Beruf arbeitete ich als Krankenschwester auf Intensivstationen. Zu Beginn, als Berufsanfängerin, verstand ich nicht, dass Patienten nach großen medizinischen Eingriffen – obwohl die Operation gut überstanden und alles nach Plan verlaufen war – noch mehrere Tage nachbeatmet und in einem künstlichen Koma gehalten wurden. Eine damalige Stationsleitung beschrieb mir das Ziel hinter diesem Procedere ganz simpel: Durch das künstliche Koma „schläft der Patent“, viele Abläufe im Körper sind kontrolliert „beruhigt“ (Senkung des Blutdrucks, des Atemwegwiderstandes etc.), so dass der Körper Zeit, Raum und Energie exklusiv für Heilung zur Verfügung stellen kann.

Bei der Anwendung vonEMDR erlebe ich die Situation ähnlich: Kinder müssen nicht ihre gesamte Traumageschichte von A bis Z en detail erzählen, sie können sogar schweigen und ganz bei ihren Bildern und ihrem Gefühl bleiben und die Verarbeitung gelingt trotzdem. Und – es wird mehr verarbeitet, als die Kinder bewusst erleben (müssen). Nach einer EMDR Sitzung kommt es häufig während des Schlafens zu sogenanntem Nachprozessieren, welches sich in Träumen zeigen kann. Es passiert weitere Heilung – ohne Anstrengung, ganz im Schlaf.

Diese erleichterte Heilung wünsche ich allen Kindern, die belastende Lebenserfahrungen machen mussten. Die Zeit heilt nicht alle Wunden – oft genügt ein kleiner „Anstupps im Gehirn“  -wie einmal ein Kind meine Erklärungen zu EMDR einfach und verständlich zusammengefasst hat.

Und zu guter Letzt…

In meiner Arbeit mit den Kindern und Familien ist es mir stets wichtig, Schwieriges leicht verständlich und trotzdem korrekt zu vermitteln. Dazu habe ich das Kinderbuch „Emmas kleines Wunder“ geschrieben – ein Buch über Psychotherapie und EMDR, mit schönen Bildern und auch Skalen zur Bewertung des subjektiven Befindens. Für Kinder ab ca. 8 Jahren und natürlich auch für Erwachsene 😊. Erschienen ist das Buch bei dem Verlag mebes & noack in Köln und kann über nachfolgenden Link bezogen werden http://www.verlagmebesundnoack.de/EmmaskleinesWunder

Rezensionsauszug: „Endlich ist es da, das Buch, auf das so viele EMDR-KindertherapeutInnen so lange gewartet haben. Mit „Emmas kleines Wunder“ ist es der Autorin Daniela Lempertz hervorragend gelungen, ein Buch zu schreiben, das anhand der Geschichte eines kleinen Mädchens traumatisierten Kindern und deren Eltern anschaulich zeigt, wie eine traumatisierende Erinnerung mit der EMDR-Methode verarbeitet werden kann und die Symptomatik vollständig verschwindet. Das Buch eignet sich nicht nur für therapeutische und pädagogische Fachleute, sondern vor allem für Eltern von traumatisierten Kindern, die das Buch zusammen mit ihren Kindern lesen können, um ihnen die Angst vor ihren Traumasymptomen und vor einer Traumatherapie zu nehmen. Es ist sehr liebevoll und klar geschrieben und mit schönen und humorvollen Bildern von Fred Fuchs illustriert.“

Weiterführende Informationen über EMDR, die Behandlung von Kindern und über die Ausbildung zur EMDR TherapeutIn für Kinder und Jugendliche, bietet die Webseite der Emdria e.V. -Fachgesellschaft der EMDR AnwenderInnenin Deutschland –  www.emdria.de.

 

Daniela Lempertz ©2019

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

EMDR Therapeutin für Kinder- und Jugendlichen, EMDR Supervisorin/Facilitator

www.daniela-lempertz.de

 

 

Literaturnachweise (eine kleine Auswahl)

De Roos, C., van der Oord, S., Zijlstra, B., Lucassen, S., Perrin, S., Emmelkamp, P., de Jongh, A. (2017). Comparison of eye movement desensitization and reprocessing therapy, cognitive behavioral writing therapy, and wait-list in pediatric posttraumatic stress disorder following single-incident trauma: a multicenter randomized clinical trial. Journal of Child Psychology and Psychiatry

Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA), Pressemitteilung Nr. 42 / 2014. Posttraumatische Belastungsstörungen: EMDR als Methode in der Psychotherapie anerkannt (Germany).

Greenwald, R. (1994). Applying eye movement desensitization reprocessing (EMDR) to the treatment of traumatized children: Five case studies. Anxiety Disorders Practice Journal, 1, 83–97.

Hase, M., Balmaceda, U., Ostacoli, L., Liebermann, P., Hofmann, A. (2017). The AIP Model of EMDR Therapy and Pathogenic Memories. Frontiers Psychol., 21 September 2017 | https://doi.org/10.3389/fpsyg.2017.01578

Holmes, A. (2019). Biological clues to enigmatic treatment for traumatic stress.Nature 566, 335-336 (2019)

Lempertz, D. (2015). Emmas kleines Wunder. Verlag Mebes&Noack, Köln.

Shapiro, F. (2001). Eye movements desensitization and reprocessing. Basic principles, protocols, and procedures (2nd ed.). New York: Guilford Press.

Tinker, R. H., & Wilson S. A. (1999). Through the eyes of a child: EMDR with children. New York: Norton.