25.04.2018 - Susanna Wolf

Ich verstehe den anderen besser, wenn ich mich selbst verstehe.

Von interkultureller Kommunikation sprechen wir, wenn wir uns mit Menschen austauschen, die andere Vorstellungen von der Welt haben als wir selbst. Niemand ist  vorurteilsfrei. Das ist zum einen normal, da Vorurteile einen Weg bieten, mit einer immer komplexer werdenden Welt umzugehen. Sie führen allerdings auch zu Herabsetzungen und Abgrenzung. Vielfältige Methoden können helfen, sich mit der eigenen kulturellen Prägung zu beschäftigen. Das ermöglicht einen Perspektivenwechsel und bietet neue Chancen in unseren Begegnungen. Interessante Einblicke von Franziska Zurmühl.

 

Letztlich geht es also um den Umgang mit Vorurteilen?

Franziska Zurmühl: Ja genau. Zunächst können Vorurteile als ganz normale Folge einer immer komplexer werdenden Welt verstehen. Als eine Art Ordnungssystem helfen sie uns, all die Eindrücke und Informationen zu verarbeiten und uns in der Welt zu orientieren. Gleichzeitig führt die eingeschränkte Wahrnehmung leider oft auch dazu, dass wir nicht unvoreingenommen in die Begegnung mit etwas Neuem oder Fremden gehen können. Abwertung und Ausgrenzung sind die Folge. Deshalb sind Vorurteile in interkulturellen Begegnungen hinderlich. 

Die Reflektion des eigenen Umgangs mit Vorurteilen ist an dieser Stelle wichtig. Vorurteile zu haben, ist gesellschaftlich gesehen ja nicht wirklich chic. Wer gibt schon gerne offen seine Bedenken gegenüber anderen Gruppen zu? Wir tun so, als hätten wir keine Vorurteile. Völlig klar: das nicht aufgelöst Weggedrückte bleibt natürlich da und wirkt unterschwellig als inneres Bild. Wenn man Vorurteile abbauen möchte, macht es also Sinn, sich mit ihnen zu beschäftigen und an sich zu arbeiten. So ergeben sich neue Chancen für die Kommunikation in interkulturellen Begegnungen.

 

Und das betrifft all unsere Lebensbereiche?

FZ: Natürlich werden bei „Kultur“ oft Länderkulturen impliziert. Wir verstehen Kultur als Werte und Verhaltensweisen einer Gruppe, die man in der Sozialisation erlernt. So gesehen fängt interkulturelle Kommunikation viel früher an: z.B. zwischen Mann und Frau, zwischen den Generationen innerhalb einer Familie, zwischen Stadt und Land usw. Es zieht sich durch die unterschiedlichen sozialen Milieus. Der Kulturunterschied kann z.B. in einem Krankenhaus zwischen einem  Chirurgen und einem Krankenpfleger oft größer sein, als zwischen einem deutschen und einem japanischen Chirurgen.

An irgendeiner Stelle eine Grenze zu ziehen, ist unmöglich. Interkulturelle Kommunikation kommt immer dann zum Tragen, wenn Leute eine andere Vorstellung von der Welt haben, als man selbst.

 

Worauf zielt interkulturelle Kommunikation ab?

FZ: Hintergrund- und Detailwissen über andere Kulturen ist in jedem Fall spannend. Aber für die interkulturelle Kommunikation ist der Blick auf das Eigene grundlegender.

Der erste wichtige Schritt ist also, sich klar zu machen, dass immer die eigene kulturelle Prägung Einfluss darauf hat, wie ich auf andere zugehe, um im zweiten Schritt die eigene Sichtweise als relativ zu verstehen: Was für mich normal ist, muss für den anderen eben gerade nicht normal sein.

Was mir allerdings selbst nicht bewusst ist, kann ich natürlich auch schwer verbalisieren. Wir verfügen über unzählige unbewusste Grundannahmen, wie die Welt organisiert ist. Das merken wir erst, wenn ein anderer Mensch eine grundlegend andere Überzeugungen hat als wir. Wenn wir auf das fremde Verhalten mit Abwertung oder Abgrenzung reagieren, ließe dies die Kommunikation letztendlich abbrechen. Eine Haltung von bewusster Neugier hingegen eröffnet Möglichkeiten, die Gegenseite kennenzulernen und zu verstehen. Die interkulturelle Kommunikation versucht das Interessante hinter dem Fremden zu sehen und dadurch das Fremde etwas näher zu bringen.