13.06.2015 - Christian Thiele

Dr. Andrea Hirmer und Dr. Hans Friedl über den Coach an sich und 20 Jahre Coaching Weiterbildung am IFW

Es gibt Berater, es gibt Trainer, es gibt Therapeuten, warum musste irgendwann der Coach erfunden werden?
Dr. Andrea Hirmer:
Vielleicht wurde er ja gar nicht erfunden, sondern ergab sich aus einer logischen Weiterentwicklung: Der Berater deckt einen ganz wichtigen Teil ab, nämlich den fachlichen Bereich in Unternehmen. Ein Therapeut ist jemand, der in einem rein sozialpsychologisch therapeutischen Rahmen arbeitet. Und ein Coach geht eben in ein Unternehmen und schult dort im Beziehungs- und Kommuni­kationsbereich. Ab den siebziger, achtziger Jahren ist ja erkannt worden, dass Unternehmen erfolgreich sind, wenn die Führungskräfte nicht nur fachliche Kriterien erfüllen, sondern eine hohe emotionale Intelligenz haben und gut sind in der Beziehungsgestaltung mit den Mitarbeitern. Daher war es eine logische Entwicklung, dass aus diesen Erkenntnissen heraus der Beruf des Coaches entstanden ist.


Hans
, wann hast du zum ersten Mal von dem Begriff „Coach“ gehört?
Dr. Hans Friedl:
Ich glaube, das war so Anfang der neunziger Jahre. Damals hat man noch sehr stark getrennt zwischen Non-Profit-Einrichtungen und Profit-Einrichtungen. Der Begriff „Supervision“ im Unternehmen war damals ein absolutes no-go…

Hirmer: Die Supervision ist ja in den sechziger, siebziger Jahren entstanden, um die anspruchsvolle Arbeit von sozialen Helfern im psychosozialen Bereich zu unterstützen. Das heißt, man hat Fälle besprochen und versucht, sich selbst darüber zu professionalisieren. Supervision wendet sich daher an Teams, Coaching dagegen ist eher für Führungskräfte oder Personen mit Steuerungsfunktionen. Aber in den letzten Jahren löst sich diese Grenzziehung immer mehr auf. Es wird auch erkannt, dass Supervision etwas sehr Sinnvolles im Unternehmenskontext sein kann.


Was macht einen guten Coach aus?

Friedl:
Eine Grundvoraussetzung ist eine gewisse Anschlussfähigkeit an einen Coachee, also denjenigen, der diese Dienstleistungen in Anspruch nimmt. Das bedeutet: eine hohe Beziehungskompetenz, die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte a) zu verstehen und b) auch zu analysieren. Ein sehr zielgerichtetes Denken. Systemisches Denken ist, glaube ich, eine sehr gute Voraussetzung für einen Coach, weil wir gerade in komplexen Situationen auf Fragen achten müssen wie: Wie bedingen sich Abteilungen? Wie bedingen sich Beziehungen untereinander, zu Vorgesetzten, Kollegen, Mitarbeitern, Dienstleistern, interner und externer Art, Kunden?


Ist also nur ein systemischer Coach ein guter Coach?

Hirmer:
Wenn jemand tatsächlich systemisch arbeitet, sowohl von der Haltung als auch von der Methodik her, wird er auf alle Fälle ein erfolgreicher Coach sein. Wir wissen inzwischen aus wissenschaftlichen Studien, dass systemisches Arbeiten als wirksam anerkannt ist. Und das ist natürlich auch ein Riesenschritt in Richtung Professionalisierung des ganzen Coaching-Bereiches.


Da hat ja das systemische Arbeiten dem Coaching etwas voraus. Denn bislang gibt es keine validierten wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit von Coaching. Wie kommt das?

Hirmer:
Wenn ich eine Führungskraft im Fachlichen unterstütze, kann ich innerhalb von kürzester Zeit ermitteln, ist die jetzt fachlich besser? Wenn ich eine Führungskraft darin unterstütze, dass sie von ihrer Kommunikationsfähigkeit her, in ihrem Umgang in Konflikten mit Mitarbeitern oder Peers besser wird, dann habe ich erstmal wenige Möglichkeiten, das valide zu messen – auch wenn sie mittel- oder langfristig erfolgreicher sein wird. Es gibt viele Versuche, das wissenschaftlich hart zu bekommen – und gleichzeitig merkt man auch immer wieder, wie schwer das ist.

Friedl: Seit Ende der 90er Jahre sind wir in verschiedenen Unternehmen (von Konzernen bis zu Mittelständlern) beauftragt, Führungswechsel-Coachings durchzuführen.


Das heißt genau…?

Friedl:
Das heißt, dass leitende Führungskräfte (vom Vorstand bis zu Gruppenleitern) in neuen Funktionen, automatisch ein ganz individuelles, auf die jeweilige Situation abgestimmtes Coaching erhalten, so dass wir den Einzelnen über Jahre hinweg wirklich in einer Art Stufenplan begleiten.
Interne Evaluierungen bestätigen, dass seither in diesen Unternehmen die geglückten Führungswechsel um ein Mehrfaches angestiegen sind. Aber da ist die Datenbasis natürlich noch nicht sehr hoch.

Hirmer: Und ein Hintertürchen gibt es doch, über das nachzuweisen wäre, dass Coaching erfolgreich ist. Nämlich zum einen über die Arbeiten von Daniel Goleman, dessen Studien zeigen, dass Führungskräfte mit einer hohen emotionalen Intelligenz weitaus erfolgreicher sind als Führungskräfte mit einer niedrigen. Und wenn wir das verbinden mit den neuesten Studien zur Gehirnforschung, wo ganz klar nachgewiesen ist, durch welche Interventionen ein Mensch wieder in einen positiveren Status kommt und dadurch auch wieder motiviert ist, dann können wir sagen, die systemischen Methoden, die Coaches anwenden, sind tatsächlich erfolgreich.


Coaching ist ein Privileg derer da oben, also von Führungskräften und Personen mit Steuerungsfunktion. Wie kommt es dazu? Ist das sinnvoll? Ist das gerecht?

Hirmer:
Jedes gute Unternehmen wird einen Mitarbeiter, auch wenn er keine Steue­rungs- oder Führungsfunktion hat, in ein Coaching schicken, wenn man das Gefühl hat: „Der ist uns wichtig, den wollen wir halten, der braucht gerade Unterstützung.“ Aber, und das ist für mich ein ganz wichtiger Grundwert, wir möchten Führungskräfte dazu befähigen, dass sie die Belastungen, Probleme im Team selber lösen können. Wenn die Führungskraft Probleme hat, jemanden extern reinholt, der löst die Probleme und danach macht man wieder weiter – das ist genau das, was wir nicht vermitteln wollen. Andererseits gibt es sehr viele Menschen, die sich privat ein Coaching leisten und sagen, ich möchte gar nicht, dass das ein Unternehmen zahlt, sondern ich möchte mich über dieses Coaching weiterentwickeln. Das ist ein großer Teil des Kundenstamms bei Coaches, die sich gerade selbstständig machen.


Was müsste passieren in Unternehmen, Institutionen, Behörden und Strukturen, damit es keinen Coach mehr braucht?

Friedl:
Oh, das ist eigentlich ganz einfach beantwortet: Die Menschen müssten einfach nur lernen, einander zuzuhören und zwar nicht nur akustisch. Sie müssten lernen aufeinander einzugehen und sie müssten sich weg vom Problem fokussieren, hin zur Lösung.

Hirmer: Und Führungskräfte müssten lernen, dass es nicht wichtig ist, dass sie Recht haben, sondern dass es letztendlich ihre Aufgabe ist, sowohl dem Unternehmen als auch den Mitarbeitern so zu dienen, dass optimale Bedingungen herrschen, um gut zu arbeiten.

Friedl: Dann bräuchte es uns nicht mehr.


Das klingt nicht sooo kompliziert…

Friedl:
(lacht) Wir wundern uns, ehrlich gesagt schon seit vielen Jahren darüber, warum man uns immer noch braucht.

Hirmer: Unsere Arbeit ist tatsächlich häufig eine ganz basale, nämlich die Menschen dazu aufzufordern, einander mal wieder richtig zuzuhören – einerseits. Gleichzeitig weiß ich aus eigener Erfahrung: Wenn ich unter Stress bin, wenn es eng wird, wie schwierig ist es dann, wahrhaftig zuzuhören und beim Gegenüber zu sein! Solange wir Menschen so funktionieren, dass wir eben einen Teil unseres Ver­nunftsdenkens abschalten, sobald wir gestresst sind, wird es uns auch geben als Coaches.


Coaching als Markt, als Business – wenn Sie zurückdenken an die Zeit vor 20 Jahren, als die Coaching-Ausbildung am IFW begann. Wie war damals der Markt für Coaches im Vergleich zu heute?

Friedl:
Da hat sich eigentlich wenig verändert. Außer, dass die Begrifflichkeit Coaching inzwischen mehr Plattform bekommen hat und dass viele Personalabteilungen sehr wohl wissen, mit welchen Coaches sie gerne zusammenarbeiten. Coaching ist heute einfach eine Selbstverständlichkeit. Grundsätzlich war Coaching vor 25, 30 Jahren genauso in allen Branchen möglich, wie es das heute ist. Von der Automobilindustrie angefangen bis hin zu Unternehmen im Wertstoffbereich. Allerdings: Als ich mir Gedanken gemacht habe über eine Coaching-Weiterbildung An­fang der Neunziger, da gab es meiner Erinnerung nirgends im deutschsprachigen Raum etwas Ähnliches. Es gab ja auch noch kein Internet, von wegen diese ganzen angenehmen Sachen zu googeln oder mal kurz da in ein Profil zu schauen. Ich habe mich wirklich hingesetzt und versucht, da was zu konstruieren. Teilweise aus dem Kopf, teilweise aus meinem Bauch, teilweise aus der Literatur. Denn wenn man Coaches ausbildet, muss man sich ja fragen: Was muss so jemand können, um dann auch anschlussfähig zu sein in der Industrie? Heute reden wir von 300 Ausbildungsinstituten alleine in Deutschland.

Hirmer: Eine große Veränderung am Markt für Coaches sehe ich auch in der Grundhaltung in den Unternehmen: Wenn vor 10, 15 Jahren jemand ein Coaching in seiner Firma bekam, war das eher ein Stempel, ‚der kann was nicht und kriegt jetzt ein Coaching verpasst‘. Das durfte niemand wissen. Inzwischen bekommen die Füh­rungskräfte ein Coaching, die weiter gefördert und entwickelt werden sollen in Unternehmen. Da gab es tatsächlich einen Paradigmenwechsel, deshalb gehen heute Führungskräfte stolz durchs Unternehmen und sagen, ich geh jetzt zu meinem Coach.


Rund 300 Aus- und Weiterbildungseinrichtungen für Coaches – große, kleine, wissenschaftlich fundierte, Scharlatane. Rund 300 Institute, die damit natürlich auch das Angebot an Coaches enorm erweitert haben. Wie verhält es sich mit der Nachfrage oder platter gefragt: Wie stehen meine Berufs- und Verdienstchancen, wenn ich beschließe, als Coach zu arbeiten?

Friedl:
Ich würde sagen: gut. Und gäbe es mehr bessere Coaches, dann wären wir noch erfolgreicher. Es gibt zwar viele Institute, aber die Spannbreite dieser Ausbildungen reicht von einem drei- bis viertägigen Seminarblock über E-Learning-Formate bis hin zu Angeboten mit einer permanenten Berieselung durch Power­point-Präsentationen – oder eben sehr erfahrungspraktischem, ganzheitlichen Erfahrungslernen. Von wenigen Tagen bis hin zu zweieinhalb Jahren. Und überall kommt ein „Coach“ heraus.

Hirmer: Was der Hans sagt, stimmt, wir brauchen noch viel mehr sehr gute Coaches. Gleichzeitig ist es für jeden, der sich aus einer Festanstellung in eine Selbstständigkeit als Coach wagt, erstmal ein harter Schritt. Und da sehen wir im Institut auch eine große Verantwortung, Teilnehmer, die während oder nach der Weiterbildung diesen Wandel wagen, so zu begleiten, dass sie dann auch mindestens einen doppelten Boden haben und abgefedert sind. Alleine am Markt zu bestehen als Coach, das ist ein harter Freiflug, das möchte ich gar nicht beschönigen. Und da ist es einfach gut, wenn sich Coaches nach einer Weiterbildung zum einen zusammenschließen, und wenn sie sich für diesen Übergang auch beraten lassen.

Friedl: Gerade wenn ich als Coach noch unerfahren bin, ist eine Produktspezialisierung unerlässlich. Und es ist wesentlich zielführender, wenn man sich nicht gleich an große Konzerne wendet, sondern eher kleinere Brötchen anfängt zu backen. Es müssen nicht sofort Audi, BMW, Allianz oder die Münchner Rück sein.


Von zehn Absolventen eurer Coaching-Weiterbildung, wie viele davon agieren danach wirklich als Coach am Markt?

Hirmer:
Ich würde mal sagen, drei. Und gleichzeitig sagt diese Zahl nichts aus: Wir haben sehr viele Teilnehmer, die die Coaching-Weiterbildung von Anfang an mit ei­ner anderen Zielsetzung beginnen, die Coaching als Expertise suchen, um sich als Führungskraft zu verbessern oder als Personaler wissen wollen: Was heißt denn jetzt Coaching, damit ich später meine Führungskräfte besser beraten kann?


Wie sieht die/der typische TeilnehmerIn der Coaching-Weiterbildung am IFW aus – Alter, Geschlecht, beruflicher Hintergrund etc.?

Friedl:
Den oder die gibt’s nicht. Wir sind sehr stolz darauf, dass die Menschen, die wir weiterbilden, aus einem sehr heterogenen Umfeld kommen. Die kommen aus ganz unterschiedlichen Branchen, und das beinhaltet ein gegenseitiges Sich-Befruchten und Kennenlernen von Branchen. Zwischen Männern und Frauen ist es in etwa fifty-fifty, die Altersspanne beginnt bei 28, 30 Jahren, und unser ältester Teilnehmer war, glaube ich, 65 oder 68. Das Gros liegt etwa bei 35 bis 40 Jahren. Es gibt Geschäftsführer, Geschäftsführerinnen, dann ist immer ein gewisser Anteil von Personalern dabei, dazu kommen Leute aus dem sozialen Bereich.


Wenn ich die Wahl habe zwischen rund 300 Weiter- und Fortbildungsgängen, warum soll ich mich für das IFW entscheiden?

Friedl:
Zum einen lernt man bei uns nicht nur fachlich, sondern es geht auch immer um die Weiterentwicklung in der eigenen Persönlichkeit, um das Kommunikationsverhalten, um das Zuhören, es geht auch sehr viel um emotionale Weiterentwicklung und Intelligenz. Vor der Coaching-Weiterbildung gab es bei uns ja schon die Ausbildungen in Familien- und Jugendtherapie. Dann lernt man bei uns nicht nur, mit einzelnen Menschen zu arbeiten, sondern auch mit Teams und mit Gruppen. Das finden wir sehr, sehr wichtig. Und zum IFW gehört eben auch seit 30 Jahren ein Consulting-Bereich, wo wir tagein, tagaus in Unternehmen unterwegs sind und daher wissen, was state of the art ist, was eigentlich in Unternehmen gerade gefragt ist. Außerdem muss keiner gleich die ganze Weiterbildung buchen, sondern man kann sich das erste Seminar anschauen und danach entscheiden: Will ich diese Weiterbildung machen oder nicht? Und noch ein paar andere Zuckerl…

Hirmer: Ich stelle mir immer vor, ich bin jetzt ein Interessent. Dann gehe ich ins Internet und suche nach Coaching-Weiterbildungen im Großraum Bayern. Und da freut es mich auf der einen Seite, dass wir inzwischen hervorragende Mitbewerber haben, weil ich ja froh bin, wenn sich viele darum bemühen, Coaches gut aus- und weiterzubilden. Und gleichzeitig ist es für jemanden, der sich für eine solche Weiterbildung interessiert, unwahrscheinlich schwierig herauszufinden, nach welchen Kriterien wähle ich jetzt mein Institut aus? Und da spielen auch ganz viele emotionale Gründe eine Rolle. Wir bemühen uns mit unserem gesamten Team von Anfang an um einen fachlich fundierten, guten, sympathischen Kontakt zum Interessenten.

Friedl: … und versuchen damit, das professionell zu leben, was wir verkaufen. Dazu kommt, dass alle unsere Trainer in der Coaching-Ausbildung eine umfangreiche Grundausbildung haben, ein einschlägiges Studium, aber auch teilweise sehr diversifiziert. Sie haben alle in Unternehmen gearbeitet, oft im Personalbereich und verfügen meist über eine familientherapeutische Ausbildung. Denn im Laufe von so einem Weiterbildungsprozess können sich für Teilnehmer Situationen ergeben, die nicht nur lustig sind, sondern eben auch schwierig.

Hirmer: Darf ich noch was ergänzen? Was uns auch noch auszeichnet, das ist diese Praxisorientierung in den Seminaren und Workshops. Uns geht es nicht nur darum, systemische Grundhaltungen und Theorien zu lehren. Wir vermitteln sie immer im Kontext der praktischen Umsetzung. Das heißt, die Leute hören erstmal, was heißt das fürs Arbeiten – und bekommen dann die Theorie im Nachgang dazu.

Friedl: Ich führe ja rund 30 – 40 Einzelgespräche pro Jahr mit Interessenten und denen sage ich immer: Wenn Sie ein Institut suchen, das hoch pragmatisch ist und mit Freude, mit Lachen, mit Lebendigkeit und sehr viel praktischem Üben arbeitet, dann sind Sie richtig bei uns. Wenn Sie ein Institut suchen, das Ihnen eine Präsentation nach der anderen vorlegt und ein Lehrbuch nach dem anderen mit Ihnen durcharbeitet, dann sind Sie falsch. Was nicht heißt, dass wir nicht Wert legen auf eine gute Teilnehmerbetreuung mit sehr ausführlichen Skripten zu jeder Veran­staltung, mit Literaturvorschlägen und natürlich geben wir auch Theorieimpulse…


1994 gab es am IFW die erste Coaching-Weiterbildung. Wenn ihr euch diesen Jahrgang vergegenwärtigt, die Leute, die Methoden, mit denen ihr gearbeitet habt, die Inhalte – was war anders als heute? Was ist mehr geworden, was weniger?

Friedl:
Die Weiterbildung ist nur noch im Skelett wiedererkennbar. Der erste Ausbildungsgang war, glaube ich, so heterogen wie ein heutiger. Die Menschen kamen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, mit unterschiedlichen Motiven und Erwartungen. Aber unsere ersten Weiterbildungsgruppen mussten noch mehr Persönlichkeitsorientierung und -entwicklung durchmachen als heute. Wir konnten es als Trainer manchmal nicht lassen, nochmal hier oder da in einen Selbsterfahrungsteil zu gehen mit einem Teilnehmer, auch wenn der nicht immer unbedingt angezeigt war. Heute haben wir neben der Persönlichkeitsentwicklung die Professionalisierung unserer Weiterbildungsteilnehmer wesentlich mehr im Blick als damals.


Was heißt das konkret?

Friedl:
Heute machen wir nach jedem größeren Seminar einen Workshop, weil wir irgendwann gemerkt haben, die Leute sind immer begeistert von den Seminaren, aber der Transfer in die Anwendung findet zu wenig statt. In diesen Workshops geht es darum, in kleinen Business Cases das Erlernte anzuwenden, dabei immer wieder Feedback zu bekommen und sich auszuprobieren in der Rolle als Coach und Trainer.


War es früher also verrückter, tiefer, bunter? Und ist es dafür heute professioneller, wissenschaftlicher und langweiliger?

Hirmer:
Es war früher verrückter, bunter, chaotischer, das bestimmt. Und es ist heute tatsächlich professioneller, wissenschaftlicher – aber ich denke nicht langweiliger. Gelassener vielleicht. Wenn man 20 Jahre jünger ist, dann meint man manchmal, je mehr man in die Konfrontation geht, umso eher erreicht man etwas. Inzwischen sind wir da gelassener und sehen, dass jeder in der Weiterbildung sein eigenes Tempo hat, seinen eigenen Umgang hat mit den Themen. Gleichzeitig haben wir schon noch den Anspruch zu sagen: Wenn meine Haltung als Führungskraft oder Coach nicht stimmt, dann nützen mir die ganzen Methoden nichts. Deshalb ist da immer noch ein Anteil an professionalisierter Selbsterfahrung, der uns wichtig ist. Und deshalb kann für uns unsere Weiterbildung nie langweilig sein. Weniger chaotisch, weniger verrückt, das ja…

Friedl: … aber langweiliger garantiert nicht.


2034, in weiteren 20 Jahren, wie sieht die Coaching-Weiterbildung dann aus? Was muss mehr werden, was wird weniger, was wird anders werden?

Friedl:
Wenn ich einfach daran denke, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Werte immer weniger werden, sage ich mal so ganz pauschal dahin, wo wir tendenziell auch unseren Kindern immer weniger Sozialkompetenz mitgeben, dann glaube ich: Der Trend zu und das Bedürfnis nach Coaching wird zunehmen, definitiv. Die sogenannte Y-Generation ist schon jetzt lang nicht mehr so strebsam nach irgendwelchen Positionen – sondern die sagen, ich will eine tolle abwechslungsreiche, sinnhafte Arbeit machen. Deswegen wird sich die Nachfrage nach Coaching wesentlich steigern. Was die Ausbildung betrifft: Da liegen wir nicht so falsch. Es wird weiterhin um sehr viel Professionalisierung gehen von Fähigkeiten, Werkzeugen, und es wird wahrscheinlich noch mehr darum gehen, die persönliche Entwicklung in den Vordergrund zu stellen.

Hirmer: Ich bin immer vorsichtig mit 20-Jahre-Prognosen, weil das Leben einfach so bunt und so vielfältig und so komplex ist – keine Ahnung, was noch alles passiert! Aber ich habe zwei Szenarien, das eine ist mein Lieblingsgedanke, das andere wäre eher so die Bauchschmerz-Vorstellung. Beziehen möchte ich mich auf die Art und Weise, wie gerade über unsere Gehirne geforscht wird, also die neurophysiologischen Forschungen über die Funktionsweise und den Mechanismus unseres Gehirns. Das wird uns die nächsten Jahrzehnte noch mehr beschäftigen, als wir uns im Moment vorstellen können. Mein Horrorszenario wäre demnach eine sehr technokratische Weiterbildung, in der Menschen lernen, welche Methoden sie einsetzen können, um gewisse Gehirnbereiche in Stresssituationen wieder miteinander zu verbinden. Also eine Technokratisierung bis hin zur Nutzenanalyse von Psychopharmaka in gewissen Situationen, wo wir also wissen, was muss ein Mensch schlucken, damit er wieder leistungsfähiger wird in gewissen Situationen. Das wäre meine Horrorvorstellung.


Und die Wohlfühlvariante?

Hirmer:
Meine Lieblingsvorstellung wäre ein steigendes Bewusstsein dahingehend, wie unser „Gefühlsgehirn“ uns bedingt. Also genauer zu wissen, welche Möglichkeiten wir haben, über gute Methoden und Haltungen Menschen dabei zu unterstützen, dass sie wieder in eine ausgeglichene, arbeitsfähige und lebbare Haltung kommen. Damit würde Coaching und alles, was damit zusammenhängt, eine noch festere Verankerung in der Gesellschaft erfahren. Und es gäbe dann auch ein klares Berufsbild vom Coach mit klaren Richtlinien und Kriterien darüber, was jemand mitbringen muss an beruflichen Voraussetzungen und wie so eine Weiterbildung auszusehen hat. Das wäre für mich so die Lieblingsvorstellung.