2.05.2016 - Susanna Wolf

Britta Weber und Georg Schobert über Verantwortung und Chancen in der Eltern-Kind-Beziehung

IFW: Was schulden Eltern heute ihren Kindern?

Britta Weber: Ich denke, genau die Frage „Was schulde ich meinem Kind?“ ist bereits die Antwort und die stetige Auseinandersetzung damit halte ich für eine große Leistung. Natürlich brauchen Kinder eine Grundversorgung mit Nahrung, Kleidung, Hygiene, einer Wohnung und einem eigenen Bett, altersgemäße Beschäftigung und qualitative Zeit.

Noch viel mehr schulden Erwachsene ihren Kindern einen angemessenen Umgang mit der Wahrheit in all den Strömungen des Lebens. Wo komme ich her? Wer bin ich? Was bringe ich biographisch mit? Wie nehme ich das Leben wahr? Wie will ich, dass mein Kind es wahrnimmt? Was muss ich tun, damit es sich orientieren und differenzieren lernt? Wie mache ich es, dass mein Kind niemals daran zweifelt, von mir geliebt zu werden?

Aus meiner beruflichen Erfahrung kann ich sagen, dass die meisten seelischen Schäden bei Kindern durch permanente Irritation, Unberechenbarkeit, Inkongruenz und Unwahrheiten entstehen. Da braucht es noch nicht einmal hässliche und gewaltvolle Szenen, die die eben genannten Begriffe natürlich noch potenzieren.

Auf den Punkt gebracht: Wir Systemiker denken in Dynamiken und Beziehungen. Aus dem „sich gegenseitig bedingen“ erschließt sich: Wenn es den Eltern gut geht, geht es meistens auch den Kindern gut. Also sollten Eltern dafür sorgen, dass sie möglichst kongruent und authentisch leben und sich wohl fühlen. Das Bewusstsein über die eigene Liebesfähigkeit und Selbstliebe der Erwachsenen spielt eine große Rolle, damit sie dies ihren Kindern schenken können. Einfach schenken, ganz umsonst und uneigennützig.

Diese Eigenverantwortung wünsche ich allerdings nicht nur Eltern, sondern jedem Menschen und vor allem Fachkräften, die mit Kindern arbeiten. Denn sie sind Modelle für Kinder und Eltern, und sie tragen einen nicht unerheblichen Teil zur Entwicklung, Erziehung und seelischen Gesundheit der Kinder bei.

Georg Schobert: Eltern, die in einem aufrichtigen Bemühen sind, schaffen gute Wachstums-, Gedeih- und Entwicklungsbedingungen. Das sehe ich nicht als grundsätzliche Bedingung, sondern eher als Richtwert.

 

War das schon immer so?

GS: Das Verhalten der Eltern war lange Zeit gesellschaftlich definiert und das Rollenverständnis fest verankert. Beim Volk ging es mehr um Aufzucht als um Erziehung und Bildung, was gerade der Sprachgebrauch deutlich macht: Wenn man heute von „elterlicher Sorge“ spricht, hieß es damals „elterliche Gewalt“. Kinder wurden per se als unfertige Erwachsene angesehen und das Ziel der Eltern war es, möglichst Viele so durchzubringen, dass sie Entlastung in der täglichen Arbeit hatten und im Alter versorgt wurden. Die Verhaltensnormen, was eine gute Elternschaft ausmachte, galten für alle und wurden nicht hinterfragt. Prügelstrafe war z.B. eine Selbstverständlichkeit. Wer nicht in der Lage war, sein Kind zu züchtigen, war ein lausiger Vater.

Bis zur französischen Revolution hatten die Menschen zu funktionieren, sie brauchten sich nicht mit verschiedenen Werten auseinandersetzen. Mit Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit hat ein demokratisches Verständnis in der Gesellschaft Raum genommen und traditionelle Bewegungen wurden heftig erschüttert, das gab auch den Eltern in der Erziehung neue Freiheiten.

Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Zeit der großen Pädagogen wie Janusz Korczak, der eine Vorreiterrolle in der Kinderrechtsdiskussion einnimmt. Maria Montessori verbreitete mit „Hilf mir es selbst zu tun“ ihre gelebte Idee, dass ein Kind ein Individuum ist und Förderung braucht, um sein Potential entfalten zu können.

BW: Jede Zeit hat ein anderes Menschenbild definiert, und damit auch die Erziehung der Kinder geprägt.

So gab es ein christlich-jüdisches Menschenbild, welches den Menschen eher pessimistisch gesehen hat. Zucht und Disziplinierung, uneingeschränkter Gehorsam gegenüber Gott und den Gesetzen war angesagt. Biographien und Befindlichkeiten von Eltern hatten vermutlich wenig Platz.

Das griechische, optimistische Menschenbild „Paideia“ hatte die Hervorbringung des Guten im Menschen zum Ziel. Selbstsorge und Selbstentwicklung, sowie freie Lebensführung waren Merkmale.

Jean-Jaques Rousseau (1712-1778) sagte: „ Der Mensch ist von Natur aus gut. Erst die Gesellschaft und Zivilisation verderben ihn.“ Der Pädagoge Pestalozzi (1746-1827) nahm einige Gedanken und Theorien von Rousseau auf und entwickelte sie weiter. Gleichzeitig distanzierte er sich aufgrund eigener Erfahrungen ganz bewusst davon. So vertrat er die Meinung: „Der Mensch ist von Natur aus schlecht, wild, unwissend, träge und gierig.“ So könne er nur durch Steuerung und Erziehung gesellschaftstauglich werden.

Es entwickelte sich ein „ganzheitlicher Ansatz“, der die in dem Kind vorhandenen Energien und Fähigkeiten hervorbringen sollte. So ist Erziehung immer schon gerahmt zwischen Individuum und übergeordneter Instanz.

Lesenswert zu dem Thema finde ich „Brief an den Vater“(1919) von Kafka, den er übrigens nie abgeschickt haben soll.

 

Wo finden Eltern heute Orientierung?

GS: Die groben Pendelausschläge der pädagogischen Suchbewegungen haben wir langsam hinter uns und wir kommen in ruhigeres Fahrwasser. Rückhalt – wie gute Erziehung aussehen kann – ist in den Wissenschaften zu finden. Die Erkenntnisse von Gerald Hüther über Gehirnfunktionen bei Kindern zeigen anschaulich, welches Handeln gedeihlich und förderlich ist. Deshalb sind für uns die Neurobiologie und die Gehirnforschung schöne neue Leitplanken für Erziehungsverhalten.

BW: Einerseits bietet das unbeschreiblich große Angebot den Eltern tolle Möglichkeiten, Kompetenzen (nach)zu entwickeln und einen bewussten Umgang mit den widrigen Umständen aus der eigenen Kindheit zu bekommen.

Auf der anderen Seite kann diese Informationsüberflutung vom Bauchgefühl, männlicher/väterlicher und weiblicher/mütterlicher Intuition ablenken und Eltern verunsichern.

Ich habe gute Erfahrungen mit einer Mischung aus wissenschaftlicher und pädagogischer Aufklärung sowie der Besinnung und Bestärkung auf die ureigenen Kompetenzen von Eltern gemacht.


Wer zeigt den Eltern wie gute Erziehung gelingen kann?

GS: Die meisten Eltern, mit denen ich zu tun habe, nehmen das Erleben aus der eigenen Kindheit als Prämisse: Was hat mir gut getan und was nicht?

Sie versuchen Praktiken zu vermeiden, die sie ihren Eltern als Erziehungsfehler ankreiden. Deshalb kommt es zwischen den Generationen immer wieder zum Diskurs über Erziehung. Alte Muster können Auslöser dafür sein, dass da nochmal was aus der Kindheit aufkocht und es kann dazu kommen, dass junge Eltern die Großeltern in die Schranken weisen, in der Art wie sie auf die Enkelkinder einwirken.

Das Modell-Lernen ist auch außerfamiliär eine gute Möglichkeit, d.h. die Eltern orientieren sich an Vorbildern anderer Erwachsener, die sie in der Erziehung ihrer Kinder als kompetent erleben. Mir erzählen Eltern immer wieder, dass sie sogar im Internet nach Lösungsansätzen für Probleme suchen. „Du gibst eine Frage ein, kriegst 30 Antworten und suchst Dir das aus, was für Dich am besten passt und das machst Du dann.“

Alles das, was im Außen gesehen und wahrgenommen wird, wird einer inneren Prüfung unterzogen und da ist letztlich die eigene Erfahrung als Kind der wichtigste und authentischste Prüfstein. Selbst gelebtes Leben, das als Erinnerung gespeichert ist und abgerufen wird, bekommt wieder Erlebnisqualität und somit rekonstruieren Eltern (indem sie sich intuitiv zurückversetzen, wie der Papa damals gehandelt hat und wie es ihnen ergangen ist) die Situation nochmal und wissen dann ziemlich sicher, ob es gut oder nicht gut war.

BW: Bodenständige Modelle mit guter wissenschaftlicher Grundlage sind für Eltern eine gute Möglichkeit, sich zu orientieren, sofern sie denn auf Augenhöhe mit Eltern interagieren.

Letztendlich ist weniger meistens mehr. Wenn Eltern darin unterstützt werden, empathisch mit Kindern zu sein und unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes der Kinder lernen, ab und zu die Perspektive der Kinder einzunehmen, sowie ihrer Partnerschaft einen guten Platz geben, dann glaube ich, ist viel erreicht.

Meine Haltung und Erfahrung ist, dass zu viel Wirbel um Erziehung und Förderung den Kindern auch nicht gut tut, die Partnerschaften sehr einseitig macht und zum Teil belastet.

 

Was passiert, wenn Eltern ihre Rolle nicht ausfüllen?

BW: Manchmal nichts oder nicht viel, manchmal ganz dramatische Dinge und psychosomatische Störungen. Es ist natürlich erstmal schlimm für ein Kind, wenn ein Elternteil seine Rolle nicht ausfüllen kann, aus welchen Gründen auch immer. Denn es bedeutet oft ein Stück weniger, kurze oder kaum Kindheit.

Der Zeitraum ist ein wesentlicher Faktor. So ist es ein Unterschied, ob ich als Kind für z.B. ein Jahr in einer Stress-Situation stecke oder ob es mich meine gesamte Kindheit und/oder Jugend kostet. Überforderung über lange Zeit wird von der Psyche, vom Körper und vom Hirnstoffwechsel anders kompensiert als kurze.

Zudem haben Resilienz-Faktoren sowie Erbanlagen einen Anteil und es kommt auch darauf an, wie die Familie insgesamt damit umgeht. Wird dem Kind vermittelt „Wir haben ein Problem und kümmern uns darum, damit es Euch trotzdem gut geht.“, hat die ganze Familie gute Chancen auf eine adäquate Entwicklung. Ein Kind, das zu hören bekommt „Du spinnst und bildest Dir das ein.“, wird in seiner Wahrnehmung zusätzlich verunsichert.

Was nahezu immer passiert ist, dass Kinder in solchen Situationen eine ganz ausgeprägte Wahrnehmung für die Stimmungen und Befindlichkeiten anderer Menschen entwickeln und weniger für sich selbst. Das erlebe ich als Segen und Fluch zugleich.

GS: Verstrickungen in die Vergangenheit können elterliche Präsenz mindern. Sie resultieren aus bestimmten Erfahrungen in früheren Lebensabschnitten und können z.B. über massives Stresserleben, Krankheit, Sucht, Konflikte mit anderen oder Schulden gelebt werden. Wenn Eltern nicht ausreichend in ihre Rolle gehen, brauchen wir Kompensation in der Erziehung.

Familienhebammen unterstützen Mütter in der Wahrnehmung der kindlichen Bedürfnisse, wenn sie Schwierigkeiten haben, aus den unspezifischen Lauten des Neugeborenen herauszulesen, worum es wirklich geht.

Wir haben immer zwei Pole von Auffälligkeiten. Das eine ist der Rückzug eines Kindes und das andere ist die entgrenzte Bedürfnisanzeige. Unter Wohlstandsverwahrlosung sprechen wir, wenn das Geben, Geben, Geben der Eltern, also auch das Nachgeben und das immer wieder materielle und nicht emotionale Liefern nie dazu führt, dass ein Bedürfnis des Kindes tatsächlich erfüllt wird. Das Kind ist nie wirklich zufrieden, sondern will immer mehr, bis sich dieses Verhalten zum Automatismus entwickelt. Auch hier braucht es Maßnahmen, damit so ein Kind lernt, sich in seinen Grenzen zu erfahren.

Im Kleinkind- und Schulalter helfen Kindergrippen, Tagesstätten und Bildungsinstitutionen (die ja auch einen Erziehungsauftrag haben) den Eltern bei der Entwicklungsförderung ihrer Kinder im kognitiven, emotionalen, körperlichen und sozialen Bereich.

Wenn ein Kind z.B. in Bezug auf sich selbst Schwierigkeiten aufweist, indem es seine Bedürfnisse nicht zum Ausdruck bringt, sondern im Kindergarten schweigend in einer Ecke sitzt und nur schaut, nimmt das fachlich geschulte Personal das Verhalten des Kindes genauer unter die Lupe. In solchen Situationen rückt auch das Verhalten der Eltern mit in den Vordergrund. Haben die Eltern allerdings absolut keinen Zugang zu der Sichtweise der Fachkraft, kümmert sich das Jugendamt. Es tritt mit den Eltern in Kontakt, um notwendige Schritte zu klären, die Eltern zu befähigt, sich angemessen um das Kindeswohl zu kümmern.

 

Was spielt die Systemische Kinder- und Jugendtherapie dabei für eine Rolle?

GS: Die Systemische Kinder- und Jugendtherapie (KJT) setzt da an, wo bestimmte Lernerfahrungen eines Kindes umgelernt werden können.

Die Basis ist der Beziehungsaufbau der Therapeutin/des Therapeuten zum jungen Klienten. Eine gelungene Nähe/Distanzregulierung ist eine wesentliche Lernerfahrung für Kinder, die sich von keinem Erwachsenen mehr erreichen lassen wollen oder völlig distanzlos die Erwachsenen in ihrer Umgebung kontrollieren und sich an ihnen bedienen.

BW: Das sehe ich auch so. Die Kinder- und Jugendtherapie vermittelt eine breite Palette an systemischem, psychologischen und psychiatrischen Grundwissen, sowie Methoden und Werkzeug, um mit Kindern und Jugendlichen in verschiedensten Kontexten und mit verschiedensten Symptomen therapeutisch arbeiten zu können.

Es geht darum, Familiendynamiken und damit auch krankmachende Dynamiken in Familien zu erkennen und zu verstehen, also das System lesen zu lernen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist, einen angemessenen Umgang mit den Situationen und den beteiligten Personen zu finden, d.h. sehr selbstreflektiert und wertschätzend in Kontakt zu gehen.

Sowohl die Interventionen mit dem Kind, als auch die Arbeit mit den Eltern sind von großer Bedeutsamkeit. Die Eltern mit all ihren Versuchen und Schuldgefühlen als mündige Experten für ihre Kinder zu sehen ist uns wichtig und manchmal leichter gesagt als getan.

Erkenntnisse bei den Eltern über ihr eigenes Verhalten und ihre Geschichte, sowie ein Transfer in die eigene „Jetzt-Familie“ ermöglichen neue Verhaltensweisen, die ein Heilmittel für die Kinder sein können. Das muss eine qualitativ hochwertige systemische Kinder- und Jugendtherapie über alle spielerischen und kreativen Elemente hinaus leisten können.

GS: Ich denke, dass wir für das neue Verhalten des Kindes dringend eine Co-Entwicklung bei den Eltern brauchen. Wenn sich zu Hause nichts verändert, etablieren sich Entwicklungen nicht im Alltag, sondern gehen wieder verloren. Wir beziehen Eltern ein und beraten sie, wie sie sich auch zu Hause klug zu dem neuen Verhalten des Kindes verhalten können.


Wann arbeitet ein Kinder- und Jugendtherapeut alleine mit dem Kind, wann mit den Eltern und wann gleichzeitig mit Eltern und Kind?

GS: Gleichzeitiges Arbeiten mit Eltern und Kind wäre für mich eher ein familientherapeutisches Element. Solche Arbeiten haben einen hohen diagnostischen Wert, weil wir sehen können, wie sich Eltern und Kinder im Kontakt gegenseitig bedingen.

Anschließend trainieren wir neues Verhalten mit dem Kind, das sich zunächst einmal auf uns oder auf andere Kinder bezieht. Das braucht dann wieder die Festigung, indem wir den Eltern zeigen, was ihr Kind neu gelernt hat und wie es gelingt, das zu Hause umzusetzen.

Im Elterncoaching fördert man diese Co-Entwicklung. Auf einer Metaebene werden die Eltern aus dem ständigen Erleben mit dem kindlichen Drama in der Familie herausgeholt und man gibt ihnen innerliches Rüstzeug, wie sie mit bestimmten unerwünschten Verhaltensweisen des Kindes angemessen umgehen können. Dabei geht es nicht darum, unerwünschtes Verhalten zu ignorieren, aber auch nicht um Bestrafung. Ich sage oft „Es gibt immer was zwischen wegschauen und draufhauen.“

Die Eltern erhalten Handwerkszeug, mit dem sie Sicherheit erzeugen können. Coaching in diesem Kontext ist Rollenbefähigung und Stabilisierung und vielleicht auch an manchen Stellen eine Destabilisierung von ungünstigen Gewohnheiten.

BW: Manchmal ist es wichtig, einem Kind einen ganz kleinen und geschützten Trainingsrahmen zur Verfügung zu stellen und mit ihm allein zu arbeiten. Auch, um es frei von den Eltern in Interaktion erleben zu können, und manchmal, um es zu schützen.

Ich persönlich arbeite gern mit Kindern und Eltern zusammen, weil ich in kurzer Zeit so unglaublich viele Informationen bekomme, die ich mit dem Kind, den Eltern oder beiden aufgreifen kann.

Diagnostik kann hilfreich sein, sich für Setting-Variationen zu entscheiden und diese zu gestalten. Ich finde, es kommt sehr stark darauf an, wie ängstlich, misstrauisch oder skeptisch ein System ist. Möglich, dass es eindeutig besser wäre, zu einem Zeitpunkt mit einem Kind allein zu arbeiten, das System aber das Vertrauen überhaupt noch nicht hergibt. Dann muss ich dem Prozess Zeit geben und gute Ideen haben, denn alles andere wäre evtl. bedrohlich und würde zusätzlichen, kontraproduktiven Stress erzeugen. Das sollte immer wieder situativ und individuell entschieden werden.


Über welchen Zeitraum arbeitet man in der Kinder- und Jugendtherapie mit Kindern?

GS: Wenn es um eine Umgewöhnung von isolierten und singulären Verhaltensweisen geht, die das Kind automatisiert lebt, kann man den jungen Klienten mit Rollenspiel in wenigen Stunden umtrainieren.

Wenn diese Verhaltensweisen jedoch Ausdruck einer inneren Unsicherheit oder Beziehungslosigkeit des Kindes ist, z.B. dass das Kind durch innere Stabilisierungsprozesse so etwas wie Selbstwirksamkeit erzeugt und darüber neue Bahnungen im Gehirn anlegt, damit wenn die Situation wieder auftaucht, diese neuen neuronalen Verbindungen genutzt werden können, braucht es schon mehr Zeit (in etwa ein halbes bis ein dreiviertel Jahr).

Mit Kindern, die unter posttraumatischen Störungen leiden, geht die Arbeit oft über Jahre hinweg. Hier ist sehr viel Differenzierung erforderlich.

Es kann sich um ein singuläres Trauma-Erleben handeln, z.B. wenn ein Kind verschüttet wurde, von der Welt abgetrennt war und mit massiver Todesangst kämpfte.

Wenn Kinder zusehen musste, wie die Mutter durch die Schläge des Partners Todesängsten ausgesetzt war, erlebte das Kind nicht seine eigene Angst, sondern die der Mutter. Auch das kann eine Form von Traumatisierung sein.

Eine Steigerung sind sequenzielle Trauma-Erfahrungen, wenn Kinder regelmäßig gedemütigt oder unangemessen bestraft werden. So dass das Kind immer wieder erleben muss, dass Gewalt (seelisch, körperlich, sexuell) auf den eigenen Körper oder den einer nahe stehenden Person einwirkt.

Das wäre dann eher etwas für die Traumatologen oder für speziell dafür geschulte Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten.

 

Wie würdest Du die Systemische Kinder- und Jugendtherapie von der Arbeit von Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten abgrenzen?

GS: Ich würde den Grad der Schwere, je weiter die Störung nach innen reicht und wurzelt, als Maßstab nehmen.

Obwohl ich in Supervisionen Anleitungen für traumapädagogisches Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen gebe, behandle ich als systemischer Kinder- und Jugendtherapeut keine Kinder mit Posttraumatischen Belastungsstörungen. Weil es dafür oft ein stationäres Setting braucht.

Mein Job ist es, Kinder und Jugendliche darin zu unterstützen, eine Wahlmöglichkeit in ihrem Verhalten zu sehen, wie sie sich in ihrem Sozialverhalten erleben, wie sie ihre Beziehungen gestalten zu Gleichaltrigen, Geschwistern, Eltern und anderen Erwachsenen.

Bei Jugendlichen geht es oft darum, welche inneren Ziele sie haben, wie sie ihre zeitlichen und kräftemäßigen Prioritäten setzen für das Erreichen ihrer Ziele und bei kleineren Kindern geht es sehr viel um Nähe- und Distanzregulation zu anderen Menschen.

BW: Es gefällt mir eigentlich nicht, hier eine harte Grenze zu ziehen, denn diese beiden Schulen können gut miteinander kooperieren und sich ergänzen. Je nach Reife, Fähigkeiten und Anerkennung der Therapeuten.

Je psychiatrischer es wird, desto wichtiger ist die Möglichkeit der Anbindung an stationäre Unterbringung und manchmal Medikation. Da ist für mich als Systemikerin ganz klar eine Grenze erreicht. Gleichzeitig kann ich nach akuten Phasen sehr gut flankierend arbeiten und ein Kind und seine Familie unterstützen, mehr Wahlmöglichkeiten an Verhaltensmustern zu entwickeln.

Die KJT ist definitiv weniger medizinisch veranlagt als die KJPT und arbeitet mehr mit Familiendynamiken, Interaktionsmustern und Familienrekonstruktion. Beides ist manchmal notwendig, um einem Kind zu stärken und gesund zu bekommen.

Ebenso habe ich während meiner langen Jugendhilfezeit Familien kennengelernt, bei denen keine Pille und Klinik geholfen haben und auf der anderen Seite Familien, mit zum Beispiel posttraumatischen Belastungsstörungen, Psychosen und Kindeswohlgefährdung, in denen die systemische Arbeit eine maximale Überforderung war und eine Psychotherapie mit stationärer Anbindung und Medikation die vorerst beste Unterstützung darstellte.

Man muss auch die Affinitäten der Klienten berücksichtigen. Damit meine ich einfach: Was hilft….hat Recht!

Für den einen Klienten ist es systemische Therapie, für den nächsten klassische Psychotherapie oder Verhaltenstherapie, ein anderer Klient geht zu einem Schamanen und wieder ein anderer schluckt Globuli oder läuft mit Räucherstäbchen um und durch sein Haus.

Das genau ist für mich das Ziel von Therapie, wie auch immer sie heißt:

Dem Menschen die Möglichkeit zu geben herauszufinden, was ihm gut oder besser tut, wie er sich anders verhalten und regulieren kann, um eigenverantwortlich und halbwegs anschlussfähig leben zu können.

 

Schulden auch Kinder ihren Eltern etwas?

BW: Ich finde nicht. Schließlich hat sie keiner gefragt, ob sie da sein möchten oder nicht.

Das ist die einfache Variante einer Antwort, die ich nicht so stehen lassen möchte, weil sie meines Erachtens eine Abhängigkeit und eine Unverantwortlichkeit beim Kind oder später Erwachsenen schafft, die ich nicht unbedingt wohltuend für den Menschen erlebe.

Ich finde auch da die Wahlmöglichkeit wichtig. Ein Kind sollte sich entscheiden können zwischen der Haltung im ersten Satz oben und zwischen der Haltung „Nun bin ich aber hier auf der Welt und habe auch die Möglichkeit, ab einem gewissen Alter meine Beziehung zu meinen Eltern zu gestalten. Ich entscheide, was mir davon gut tut und was nicht.“.

GS: Im Sinne einer Schuld, die abzutragen wäre, schulden Kinder ihren Eltern gar nichts.

Im Sinn von günstigen Beziehungsverhalten, könnte man schon sagen, dass Kinder ihren Eltern etwas schulden.

Ich denke da an Respekt – und das nicht nur den Eltern, sondern gegenüber jedem anderen Geschöpf und Lebewesen. Und dann können sich Kinder ihren Eltern gegenüber auch dankbar zeigen. Das ist jetzt nicht etwas, wozu die Kinder von vornherein verpflichtet sind. Wenn es ihnen jedoch möglich ist, den Eltern Achtung und Dankbarkeit entgegenzubringen, ist das auch für die Kinder eine schöne Erfahrung, weil sie im Austausch mit dem Du der Eltern und Erwachsenen in der Regel eine positive Rückmeldung bekommen. Und die tut einfach gut.