18.04.2018 - Dr. Andrea Hirmer

Wie weit ist es von der Beratung zur Therapie?

Unser Systemischer Berater ist deutlich therapeutisch und für die Arbeit im Nonprofit-Kontext ausgerichtet. Er kann für sich stehen und ist gleichzeitig Voraussetzung für die Spezialisierungen zur Systemischen Familientherapie oder zur Kinder- und Jugendlichentherapie.

 

Der Übergang von der Beratung zur Therapie ist fließend. In der Beratung verwende ich Methoden, die dem Klienten helfen, sein berufliches und privates Verhalten im Alltag zu reflektieren, die daraus entstehenden Belastungen zu erkennen und neue Verhaltensweisen zu entwickeln. In der Therapie ist das sehr ähnlich, allerdings versuche ich zudem zu ergründen, wie bestimmte Muster in der Kindheit des Klienten entstanden sind. Ein Beispiel macht es greifbar:

Ein Klient kommt in die Beratung, weil er in seinem Leben keine beständigen Beziehungen aufbauen kann. Seine Partnerschaften dauern nie lange und er pflegt auch sonst keine engen Freundschaften. Er fühlt sich einsam und will etwas ändern.

Wir arbeiten heraus, wie es immer wieder zu diesen Kontaktabbrüchen kommt. Dabei erkennt er, dass es ihm schwer fällt, die eigene Meinung zu vertreten, wenn jemand einen anderen Standpunkt vertritt. Er befürchtet nahe stehende Menschen durch diese Art von Konfrontation zu verlieren. Deshalb verstummt er lieber und zieht sich zurück.

Das ist der Beginn seiner persönlichen Abwärtsspirale. Je weniger er kommuniziert, desto mehr irritiert das sein Gegenüber und es kommt zur Konfrontation. Da er die aber nicht aushält, zieht er sich noch mehr zurück…. Es wird immer weniger miteinander gesprochen, bis der Kontakt ganz abgebrochen wird.

In der Beratung decke ich diese Dynamik auf und bespreche sie mit dem Klienten. Das Bewusstmachen seiner Strategie ist die Basis dafür, an neuen Verhaltensweisen zu arbeiten.

Im nächsten Schritt denken wir konkret über Alternativen nach. Wie kann er mit den richtigen Worten ansprechen, dass er anderer Meinung ist?

Im Laufe der Zeit lernt der Klient anders mit Konfrontationen umzugehen, macht darüber (hoffentlich) positive Erfahrungen in seinem sozialen Umfeld und verändert damit seine Haltung und sein Verhalten.

Wenn dies so gelingt, dann reicht das Repertoire als Berater aus. Anders, wenn wir feststellen, dass der Klient nicht in der Lage ist, die in der Beratung erarbeiteten Schritte umzusetzen. Nehmen wir für unser Beispiel an, dass er seine Meinung im Konflikt zwar unbedingt ansprechen will, jedoch immer wieder in die gleiche Blockade rutscht und daran verzweifelt, dass er es nicht schafft.

Das ist der Punkt, an der ich zu familientherapeutischen Methoden wechsle. Das heißt, ich frage den Klienten, welche Erfahrungen er in seiner Kindheit mit Konfrontationen gemacht hat. Wie haben seine Eltern sich auseinandergesetzt? Wie haben sie ihm ermöglicht, zusammen mit ihnen eine Streitkultur zu entwickeln? Wie wurde damit umgegangen, wenn er eine andere Meinung hatte? Wurde Wut als konstruktiv oder destruktiv wahrgenommen?

Der Klient lernt, was ihn bedingt und welche tiefsitzenden Glaubenssätze sich aus seiner Kindheit bis in die Gegenwart gerettet haben. Bei ihm ist z.B. der Satz von früher „Deine Meinung zählt nicht!“ inzwischen fest im Gehirn verankert. Er geht instinktiv davon aus, dass seine Haltung im Konflikt weniger wert ist als die der anderen. Also schweigt er und setzt damit seine Abwärtsspirale wieder in Gang.

Da ihm sein Gehirn quasi verbietet, im Streit zu sagen was er denkt, suchen wir in der Therapie einen Weg, wie er es an diesem Punkt „austricksen“ kann. So können neue Verhaltensweisen zunehmend trainiert werden.

Nicht selten werden Glaubenssätze seit Generationen vererbt und wirken damit sehr kraftvoll. Die Großeltern dieses Klienten sind am Ende des zweiten Weltkrieges aus Ostpreußen geflohen und mussten sich nach 1945 in Westdeutschland als Flüchtlinge eine neue Existenz aufbauen. Ein wichtiger Grundsatz aus dieser Zeit lautete „Nur nicht auffallen oder anecken!“. Dieser Satz war damals richtig und wichtig, damit die Familie in der neuen Heimat Fuß fassen und erfolgreich werden konnte.

Lerneffekt für den Klienten im Heute: die Leistung der Großeltern respektieren und sie von der eigenen Lebenssituation trennen. „Ich darf konfrontieren. Ich lebe nicht als Flüchtling nach dem Krieg in Westdeutschland.“

Am Ende arbeite ich mit dem Klienten wieder daran, wie er jetzt in seinem sozialen Umfeld für seine Belange einstehen kann, ohne seine Beziehungen zu gefährden.

 

Auch unsere Weiterbildungs-TeilnehmerInnen haben in jedem Modul die Möglichkeit, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Die Fragen „Was hat mich in meiner Familie geprägt? Welche besonderen Stärken habe ich daraus entwickelt? Welches sind meine Herausforderungen? Wie wirke ich auf andere? Deckt sich das, wie ich mich sehe, damit, wie andere mich sehen?“ werden in jedem Seminar aus unterschiedlichen Perspektiven gestellt.

Ein guter Berater und Therapeut kennt nicht nur die Methoden, sondern arbeitet in unterschiedlichen professionellen Haltungen. Die kann ich allerdings nur entwickeln und verfeinern, wenn ich bereit bin, mich selbst zu hinterfragen.