1.07.2015 - Susanna Wolf

Marlene Bierer Fischer: Was sind die Prämissen bei der systemischen Arbeit mit Trauma?

  1. Welche Bedeutung haben Traumata für die systemische Praxis?

Wir können jeden Tag damit zu tun haben in unserer Arbeit mit Klienten. Sei es – in sehr offensichtlicher Art mit sog. Big-T-Traumata. Das sind lebensbedrohliche Situationen, die mit Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein einhergehen wie z.B. Unfälle, lebensbedrohliche Krankheiten, sexuelle und körperliche Gewalt; oder Small-T-Traumata: Erlebnisse, die eng gekoppelt sind mit massiver Beschämung, Peinlichkeit und tiefer Verunsicherung; sie sind zwar nicht existenziell bedrohlich, aber emotional unausweichlich, wie z.B. die elterliche hochstrittige Trennung oder dramatische Mobbing-Situationen. Und nicht zu vergessen sind transgenerationale Traumatisierungen, die sehr deutlich in der Familienrekonstruktion zu Tage treten; hier gab es Traumatisierungen in der vorigen Generation (z.B. durch Flucht, Krieg, Vergewaltigung, Missbrauch), die sich über die Bindungsqualität der Bezugspersonen zum Kind sowie ein „eingefrorenes“ Familienklima mitteilen und so eine direkte Auswirkung haben für die darauffolgende Generation.

  1. Woran können Therapeuten erkennen, dass es sich evtl. um eine Traumafolgestörung bei Klienten handelt?

Nicht jeder, der eine traumatische Situation erlebt hat, entwickelt eine posttraumatische Belastungsstörung. Manche Menschen können durch äußere und innere Schutzfaktoren (soziale Unterstützung, körperliche Aktivität usw.) Widerstandskräfte entwickeln und damit Selbstheilungskräfte mobilisieren. Andere wiederum leiden Monate oder auch Jahre danach noch an Flashbacks („Intrusionen“); sie versuchen, Auslöse-Situationen zu vermeiden („Konstriktionen“) und schränken ihren Aktionsradius ein; sie erleben sich generell in einer Hab-Acht-Stellung („Hyperarousal“) und manchmal wie abgeschaltet („Numbing“).

Häufig sind wir konfrontiert mit unterschiedlichen Formen von dissoziativen Symptomen; z.B. die Klienten fühlen sich wie neben sich stehend, weggetreten oder sie scheinen unerreichbar und ihr Blick geht ins Leere; oder sie haben überhaupt keinen Erinnerungszugang zu Phasen in ihrem eigenen Leben; manche Klienten sind schmerzunempfindlich, andere empfinden körperliche Schmerzen ohne somatischen Befund. Wichtig ist hier zu verstehen, dass die Entstehung dieser Symptome nicht bewusst steuerbar ist, sondern dass diese Form der Dissoziation (Abspaltung) eine Art automatisches Notfallprogramm des Organismus ist, um sich vor der überwältigenden Flut von massivsten Stimuli zu schützen.

Vordergründig zeigen sich manche Klienten depressiv oder aggressiv, zwanghaft oder ängstlich – und eigentlich handelt es sich um eine Traumafolgestörung mit entsprechender Symptombildung.

  1. Was können Systemiker leisten in der Arbeit mit traumatisierten Klienten?

Zuerst ist es wichtig zu erkennen, ob ein Klient eventuell eine Traumafolgestörung hat, d.h. es braucht die Fähigkeit, Symptome in den jeweiligen Kontext einordnen zu können. Es ist kein therapeutisches Ziel, ein Trauma zu behandeln, sondern die beraterische/therapeutische Arbeit bezieht sich immer auf die Traumafolgestörung!

Erkennen wir die Symptome der Klienten als Reaktionen auf eine unnormale traumatische Situation, können wir sie darin unterstützen, ihr eigenes – bisher unverständliches – Verhalten neu einzuordnen.

Stabilisierungs- und Distanzierungstechniken wirken sich dann stärkend aus in der Bewältigung von Alltagssituationen. Durch die gezielte Aktivierung von Ressourcen entsteht ein Zuwachs an Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen. Viele Klienten erleben durch diese Stabilisierung einen hohen Zuwachs an alltäglicher Lebensqualität.

Konfrontationen mit der ursprünglich traumatischen Situation und eine Traumasynthese bleiben der expliziten Traumatherapie vorbehalten, da hier spezifische Vorgehensweisen erforderlich sind (z.B. EMDR, EMI, Screen-Technik).

  1. Was sollte eine TherapeutIn – neben einer guten Ausbildung – mitbringen, um mit traumatisierten Klienten arbeiten zu können?

Es braucht Selbstreflexion und Klärung von eigenen Traumatisierungen sowie eine wertschätzende ressourcenorientierte Haltung. Jeder traumatisierte Klient ist ein Überlebender! Und der Therapeut muss sich Zeit lassen können und mitgehen – der Klient bestimmt das Tempo und macht damit heilsame Erfahrungen von eigener Selbstbestimmung.